🇬🇧 English version
Henry Lindemeier vor dem Russischen Haus – TAZ
© Julia Baier / TAZ
TAZ

Ein-Mann-Demo gegen Russland

23. April 2025  ·  Von Tilman Baumgärtel  ·  Lesezeit: 6 Min.

Was steht drin

  • Ausführliche Reportage über Henrys Alltag – mehrmals pro Woche, Fahne, Bluetooth-Box, Sirenenalarm
  • Das Russische Haus in der rechtlichen Grauzone: Sanktionen gegen Rossotrudnitschestwo seit Juli 2022, aber das Haus läuft weiter
  • Skandal im Programm: Buchladen verkaufte Seifenformen in Form von Handgranaten, Panzern und Pistolen
  • Illegale Überwachungskameras filmten den Bürgersteig – als Beweismittel gegen Henry verwendet
  • Henry viermal körperlich angegriffen – trägt seitdem Stichschutzweste und Trillerpfeife
  • Andere EU-Länder (Litauen, Polen, Tschechien, Schweden) haben vergleichbare russische Institute bereits geschlossen
Warum relevant Erste detaillierte Analyse der rechtlichen Widersprüche – und Beleg dafür, dass das Russische Haus aktiv Mittel des Rechtsstaats gegen legitimen Protest einsetzt.

Die folgenden Auszüge geben die wesentlichen Inhalte des Artikels wieder. Der vollständige Originalartikel erschien in der jeweiligen Publikation.

Es muss wohl als besondere Ehre betrachtet werden, wenn man von den Vertretern eines Schurkenstaats ein eigenes Straßenschild bekommt. Wenn Henry Lindemeier sich mit Ukrainefahne und Lautsprecher vor dem Russischen Haus in der Friedrichstraße in Mitte postiert, platziert der Pförtner gern zwei Aufsteller auf den Bürgersteig, auf denen auf gelbem Hintergrund ein stilisierter Mann mit Flagge in Knallrot zu sehen ist – dazu die Aufschrift: „Vorsicht Provokation!"

Und provozieren will Lindemeier in der Tat: Vor einer staatlichen Institution Russlands im Herzen Berlins, deren schiere Existenz viele ihrerseits als Provokation empfinden, will er auf den grausamen Angriffskrieg aufmerksam machen, den das Land seit mehr als drei Jahren gegen die Ukraine führt. Seit Juni 2024 steht er mehrmals pro Woche mit einer riesigen gelb-blauen Fahne auf der Friedrichstraße, spielt ukrainische Volkslieder, Sirenenalarm oder Bombendonner ab.

„Ich will gegen die Verdrängung angehen. Ich will, dass die Russen, die hier Veranstaltungen besuchen, morgens, wenn sie aufwachen, und abends, wenn sie ins Bett gehen, daran denken, dass ihr Land Krieg führt."

Das Russische Haus wurde 1984 in Ostberlin eröffnet. Betreiber ist die russische Behörde Rossotrudnitschestwo, die seit Juli 2022 auf der EU-Sanktionsliste steht. Obwohl die rechtlichen Möglichkeiten zur Schließung des Hauses nicht eindeutig sind, haben Litauen, Polen, Tschechien und Schweden vergleichbare Institutionen bereits vor Jahren geschlossen.

Das Russische Haus überzieht Lindemeier wegen seiner Ein-Mann-Demos mit Beschwerden und Anzeigen. Regelmäßig wird die Polizei wegen angeblicher Ruhestörung, Belästigung von Passanten oder Filmen von Kindern gerufen. Als Beweismaterial dienten dabei auch Aufnahmen von Überwachungskameras, die verbotenerweise den Bürgersteig vor dem Russischen Haus aufnahmen.

Nachdem er inzwischen viermal körperlich angegriffen wurde, trägt er nun eine stichfeste Weste und eine Trillerpfeife, um bei Attacken Alarm zu schlagen.