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Länderakte

Dänemark

Regulärer Betrieb beendet – später nach russischen Angaben punktuell genutzt

Regulärer Präsenzbetrieb beendet Botschafts- und Partnernetzwerk aktiv Formaler Reststatus ungeklärt

In Kopenhagen bestand ein offizielles Russisches Zentrum für Wissenschaft und Kultur von Rossotrudnitschestwo. Der reguläre Betrieb endete Ende September 2023, nachdem Dänemark die Personalstärke der gesamten russischen Mission begrenzt hatte. Einen unmittelbar gegen das Zentrum gerichteten dänischen Schließungsakt gab es nicht. Seit 2025 meldet die russische Botschaft wieder einzelne Veranstaltungen an einem Ort, den sie weiterhin als Russisches Haus beziehungsweise RCSC bezeichnet. Eine Wiederaufnahme des früheren regulären Zentrumsbetriebs ist damit nicht belegt.

Kernbefund: Dänemark legte das Zentrum durch eine diplomatische Personalmaßnahme praktisch still, kündigte aber weder das zugrunde liegende Kulturabkommen noch schloss es das Haus ausdrücklich. Die spätere punktuelle Nutzung zeigt die Grenzen dieses Vorgehens.

Kurzüberblick

Zentrum Russisches Zentrum für Wissenschaft und Kultur, auch „Russisches Haus“
Träger Rossotrudnitschestwo bis zum Ende des regulären Betriebs; spätere Nutzung nach Angaben der russischen Botschaft
Ort Vester Voldgade 11, 1552 Kopenhagen
Abkommen Abkommen über Zusammenarbeit in Kultur, Wissenschaft und Bildung vom 4. November 1993; in Kraft seit 12. Februar 1994; mit sechsmonatiger Frist kündbar
Eröffnung Vorgängerstruktur seit den 1970er-Jahren; Gebäude 1975 vom sowjetischen Staat erworben, „Venskabshuset“ 1977 eröffnet
Maßnahme Begrenzung der russischen Mission auf fünf Diplomaten sowie 20 Verwaltungs- und technische Beschäftigte im September 2023
Status Regulärer Betrieb beendet; seit 2024 nicht mehr in der dänischen Diplomatenliste; nach russischen Angaben seit 2025 punktuelle Veranstaltungsnutzung
Begründung Russische Versuche, Visa für Geheimdienstoffiziere in die Verhandlungen einzubeziehen, sowie Angleichung an die Personalstärke der dänischen Botschaft in Moskau

Kurzbefund

Noch Anfang 2023 führte das dänische Außenministerium das Russische Zentrum für Wissenschaft und Kultur als gesonderte Einrichtung der russischen Auslandsstruktur auf. Genannt wurden die Adresse Vester Voldgade 11, eine staatliche E-Mail-Adresse unter rs.gov.ru und eine eigene Rossotrudnitschestwo-Website. Dänische Diplomatenliste, Januar 2023

Am 1. September 2023 begrenzte Dänemark die russische Mission auf fünf Diplomaten sowie 20 Verwaltungs- und technische Beschäftigte. Der letzte reguläre Arbeitstag des Zentrums war nach eigener Darstellung der 26. September; als Schließungsdatum wurde der 27. September genannt. Die Maßnahme galt der gesamten russischen Mission und war kein gesonderter kulturpolitischer Schließungsakt.

Seit Januar 2024 erscheint das Zentrum nicht mehr in den dänischen Diplomatenlisten. Russische Botschaftskanäle berichteten jedoch seit Mai 2025 wieder über einzelne Veranstaltungen an einem Ort, den sie weiterhin als Russisches Zentrum für Wissenschaft und Kultur beziehungsweise Russisches Haus bezeichnen. Diese Meldungen belegen eine von russischer Seite dokumentierte Nutzung, nicht aber die Wiederherstellung einer eigenständigen Rossotrudnitschestwo-Vertretung mit regulärem Publikumsbetrieb.

Chronologie

  1. Nach dänischen historischen Darstellungen erwirbt der sowjetische Staat das Gebäude Vester Voldgade 11.
  2. Eröffnung des „Venskabshuset“. Die dänisch-sowjetische Freundschaftsgesellschaft erhält das Nutzungsrecht.
  3. Dänemark und Russland unterzeichnen ein Abkommen über Zusammenarbeit in Kultur, Wissenschaft und Bildung.
  4. Das Abkommen tritt in Kraft.
  5. Dänemark weist 15 russische Geheimdienstoffiziere aus.
  6. Die Europäische Union sanktioniert Rossotrudnitschestwo.
  7. Das Zentrum steht weiterhin mit Adresse und Kontaktdaten in der dänischen Diplomatenliste.
  8. Die dänische Wirtschaftsbehörde bestätigt die monatliche Freigabe von rund 26.000 DKK aus eingefrorenen russischen Mitteln für notwendige Betriebsausgaben.
  9. Dänemark begrenzt die russische Mission auf fünf Diplomaten sowie 20 Verwaltungs- und technische Beschäftigte.
  10. Nach eigener Darstellung des Zentrums ist der 26. September der letzte reguläre Arbeitstag; als Schließungsdatum wird der 27. September genannt.
  11. Das RCSC fehlt in der neuen dänischen Diplomatenliste.
  12. Die russische Botschaft dokumentiert wieder einzelne Veranstaltungen im als RCSC beziehungsweise Russisches Haus bezeichneten Gebäude.
  13. Auch die aktuelle dänische Diplomatenliste führt kein Russisches Zentrum mehr auf.

Rechtsgrundlage

Grundlage ist das Abkommen zwischen dem Königreich Dänemark und der Russischen Föderation über Zusammenarbeit in Kultur, Wissenschaft und Bildung vom 4. November 1993. Es trat am 12. Februar 1994 in Kraft und ersetzte ein sowjetisch-dänisches Kulturabkommen von 1962. Vertragstext in der United Nations Treaty Series

Artikel 21: Kulturzentren

Artikel 21 sieht vor, dass beide Seiten die Errichtung eines dänischen Kulturzentrums in Russland und eines russischen Kulturzentrums in Dänemark unterstützen. Rechtsstellung und Tätigkeitsbedingungen sollten gesondert vereinbart werden. Ein veröffentlichtes Zusatz-, Status- oder Durchführungsabkommen konnte bislang nicht gefunden werden. Daraus folgt nicht, dass niemals eine ergänzende administrative Vereinbarung oder ein Notenwechsel bestand.

Artikel 26: Kündigung

Denne overenskomst vil forblive gyldig indtil 6 måneder efter at en af parterne skriftligt giver den anden part meddelelse om sit ønske om at opsige den.

Deutsche Übersetzung: Dieses Abkommen bleibt bis sechs Monate nach dem Tag in Kraft, an dem eine Vertragspartei der anderen schriftlich ihre Kündigungsabsicht mitteilt.

Das Abkommen ist damit mit sechsmonatiger Frist kündbar. Eine Kündigung durch Dänemark ist nicht nachgewiesen. Dänemark wählte 2023 nicht den Vertragsweg, sondern begrenzte die Personalstärke der russischen Mission.

Maßnahmen seit 2022

Ausweisung russischer Geheimdienstoffiziere

Im April 2022 wies Dänemark 15 russische Geheimdienstoffiziere aus. Der dänische Nachrichtendienst PET erklärte später, die russischen Fähigkeiten zur Informationsbeschaffung auf dänischem Boden seien dadurch erheblich geschwächt worden. PET-Jahresbericht 2022

Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den ausgewiesenen Personen und dem Kulturzentrum ist amtlich nicht belegt. Aus der allgemeinen Beschreibung russischer nachrichtendienstlicher Methoden darf nicht abgeleitet werden, das RCSC selbst sei nachweislich eine Geheimdiensteinrichtung gewesen.

EU-Sanktionen gegen Rossotrudnitschestwo

Am 21. Juli 2022 nahm die Europäische Union Rossotrudnitschestwo in ihre Sanktionsliste auf. Die Sanktion führte auch in Dänemark zum Einfrieren von Geldern und wirtschaftlichen Ressourcen. Sie bedeutete jedoch nicht automatisch die Schließung des Zentrums. Amtsblatt der Europäischen Union vom 21. Juli 2022

Freigabe notwendiger Betriebsausgaben

Im März 2023 bestätigte die dänische Wirtschaftsbehörde, dass monatlich etwa 26.000 DKK aus eingefrorenen russischen Mitteln für notwendige Ausgaben des Russischen Hauses freigegeben wurden. Dabei handelte es sich nicht um eine dänische Subvention, sondern um eine nach dem EU-Sanktionsrecht zulässige Verwendung weiterhin russischer Gelder. Antwort des dänischen Wirtschaftsministeriums

I den konkrete sag vedrørende Ruslands Hus […] udstedt en sådan tilladelse til frigivelse af ca. 26.000 kr. hver måned.

Deutsche Übersetzung: Im konkreten Fall des Russischen Hauses wurde eine entsprechende Genehmigung zur monatlichen Freigabe von etwa 26.000 Kronen erteilt.

Personalobergrenze für die russische Mission

Am 1. September 2023 teilte das dänische Außenministerium dem russischen Botschafter mit, dass die Personalstärke der russischen Vertretung an diejenige der dänischen Botschaft in Moskau angeglichen werde. Die Reduzierung musste bis zum 29. September umgesetzt werden. Pressemitteilung des dänischen Außenministeriums

Konkret betyder det et loft på 5 diplomater og 20 administrativt og teknisk personale.

Deutsche Übersetzung: Konkret bedeutet dies eine Obergrenze von fünf Diplomaten sowie 20 Verwaltungs- und technischen Beschäftigten.

Die Maßnahme richtete sich gegen die gesamte russische Mission und nicht ausdrücklich gegen Kulturarbeit oder das RCSC. Der reguläre Betrieb des Zentrums endete als praktische Folge dieser Personalbegrenzung.

Regierungsbegründung im Original

Das dänische Außenministerium begründete die Entscheidung mit ergebnislosen Visaverhandlungen und russischen Versuchen, Visa für Geheimdienstoffiziere in diese Verhandlungen einzubeziehen.

Rusland har gentagne gange forsøgt at få visum til efterretningsofficerer som en del af forhandlingerne.

Deutsche Übersetzung: Russland hat wiederholt versucht, Visa für Geheimdienstoffiziere zum Bestandteil der Verhandlungen zu machen.

Die amtliche Begründung war damit sicherheits- und diplomatiepolitisch. Eine gesonderte dänische Feststellung, das Kulturzentrum müsse wegen Propaganda oder Desinformation geschlossen werden, ist nicht nachgewiesen.

Russische Angaben zur späteren Nutzung

Die russische Botschaft berichtete seit Mai 2025 über mehrere Veranstaltungen an einem Ort, den sie weiterhin als Russisches Zentrum für Wissenschaft und Kultur beziehungsweise Russisches Haus bezeichnet. Dokumentiert wurden unter anderem ein Festakt zum Jahrestag des Kriegsendes, eine Ausstellung und Kulturveranstaltungen. Bericht der russischen Botschaft vom 7. Mai 2025

Diese russischen Regierungsquellen belegen, dass der Ort wieder öffentlich für einzelne Veranstaltungen verwendet und entsprechend bezeichnet wurde. Sie belegen allein jedoch weder regelmäßige Öffnungszeiten noch Sprachkurse, Bibliotheksbetrieb, eigenes Rossotrudnitschestwo-Personal oder die Wiederaufnahme in die dänische Diplomatenliste.

Der belastbare Status lautet deshalb nicht „wiedereröffnet“, sondern: Nach russischen Angaben punktuelle Veranstaltungsnutzung; institutioneller Reststatus ungeklärt.

Parallelstrukturen

Botschaftsschule

Neben dem früheren RCSC besteht eine Schule bei der russischen Botschaft. Sie ist eine eigenständige russische staatliche Bildungsstruktur und darf nicht mit dem Kulturzentrum gleichgesetzt werden.

Landsleuteorganisation und Russkiy Mir

In Kopenhagen existiert außerdem eine gesellschaftliche Organisation mit der Bezeichnung „Russisches Haus“. Die Stiftung Russkiy Mir berichtete 2021 über die Eröffnung eines „Kabinet Russkogo Mira“ bei dieser Organisation. Sie ist weder eine diplomatische Vertretung noch automatisch eine Rossotrudnitschestwo- Niederlassung. Russkiy Mir, Meldung von 2021

Kooperation und materielle Unterstützung durch Russkiy Mir belegen institutionelle Einbindung, aber nicht ohne Weiteres eine vollständige staatliche Steuerung sämtlicher Tätigkeiten.

Keine nachgewiesene Verlagerung

Eine formale Übertragung der dänischen Rossotrudnitschestwo-Zuständigkeit auf Stockholm, Oslo, Helsinki oder einen anderen Standort ist bislang nicht nachgewiesen. Die Fortsetzung russischer Aktivitäten scheint vielmehr über Botschaft, Schule, Landsleutenetzwerk, Russkiy-Mir-Partner und einzelne Veranstaltungen im früheren Zentrumsgebäude erfolgt zu sein.

Immobilie und Rechtsstatus

Nach dänischen historischen Darstellungen erwarb der sowjetische Staat das Gebäude Vester Voldgade 11 im Jahr 1975. Ab 1977 nutzte die dänisch-sowjetische Freundschaftsgesellschaft es als „Venskabshuset“. Später übernahm der russische Staat den Betrieb des Kulturzentrums. Historische Darstellung von Kim Frederichsen

Der aktuelle Grundbucheintrag konnte in frei zugänglichen amtlichen Quellen nicht verifiziert werden. Ebenso ist ein besonderer diplomatischer, konsularischer oder völkervertraglicher Immunitätsstatus der Immobilie bislang nicht nachgewiesen. Die frühere Aufnahme des Zentrums in die Diplomatenliste beweist allein keine Unverletzlichkeit des Grundstücks.

Einordnung

Dänemark bildet einen eigenen Typus innerhalb des Europa-Dossiers. Das offizielle Zentrum wurde weder durch eine Vertragskündigung wie in der Republik Moldau noch durch einen unmittelbar gegen das Haus gerichteten Schließungsakt beendet. Stattdessen entzog eine allgemeine diplomatische Personalmaßnahme dem regulären Betrieb praktisch die personelle Grundlage.

Dieses Vorgehen war zunächst deutlich wirksam: Das Zentrum stellte seinen regulären Betrieb ein und verschwand aus der dänischen Diplomatenliste. Weil das Kulturabkommen bestehen blieb und das Gebäude offenbar weiterhin verfügbar war, konnte die russische Seite später wieder einzelne Veranstaltungen dort dokumentieren.

Lehre für Berlin: Eine Personal- oder Finanzmaßnahme kann den laufenden Betrieb stark treffen. Dauerhafte institutionelle Klarheit entsteht aber erst, wenn auch Abkommen, Rechtsstatus, Personalstruktur und Immobilie geklärt werden.

Offene Fragen

  1. Wer ist aktuell im dänischen Grundbuch als Eigentümer von Vester Voldgade 11 eingetragen?
  2. Besitzt das Gebäude einen besonderen diplomatischen oder völkerrechtlichen Status?
  3. Existiert ein gesondertes Durchführungsabkommen oder ein Notenwechsel zu Artikel 21?
  4. Wann endete die monatliche Freigabe von rund 26.000 DKK aus eingefrorenen Mitteln?
  5. Wer finanziert heute Betrieb, Versicherung, Heizung und Instandhaltung des Gebäudes?
  6. Unter welcher organisatorischen Verantwortung finden die seit 2025 gemeldeten Veranstaltungen statt?
  7. Gibt es wieder regelmäßige Kurse, Bibliothekszeiten oder öffentlich zugängliche Bildungsprogramme?
  8. Wurden Aufgaben des früheren Zentrums offiziell auf einen Standort in einem Nachbarland übertragen?

Quellen

Russische Botschafts- und Rossotrudnitschestwo-Quellen werden ausschließlich als Primärquellen für die Selbstdarstellung und für von russischer Seite dokumentierte Aktivitäten verwendet. Sie bestimmen nicht allein den neutralen institutionellen Status des Zentrums.