Das Russische Haus Berlin zeigt Konzerte, Sprachkurse, Kinderfilme, Ausstellungen. Auf den ersten Blick: Kulturaustausch. Auf den zweiten: ein Programm, das von offener Staatspropaganda bis zu subtiler kultureller Selbstinszenierung reicht – und genau darin liegt seine Stärke.
Nicht jeder Film, der hier gezeigt wird, ist ein Propagandafilm im klassischen Sinne. Manche sind Kunstwerke. Manche sind Kinderfilme. Manche sind poetisches Autorenkino. Und doch fügen sie sich in ein Gesamtbild: Russland als tiefgründige, leidende, kulturell reiche Nation – weit jenseits des Krieges, der Sanktionen, der Leichen in Butscha.
Vier Beispiele aus dem laufenden Programm.
Staatsproduktion, Kreml-Preis, Roskosmos
Kulturnation, große Dichter, russische Seele
Kinderfilm, Bergidylle, keine Agenda – scheinbar
Der erste Spielfilm, der auf der Internationalen Raumstation gedreht wurde. Eine russische Ärztin fliegt zur ISS, rettet einen Kosmonauten. Koproduktion von Roskosmos und dem russischen Staatssender Channel One. Die Botschaft ist unmissverständlich: Russland ist eine Weltmacht – trotz Sanktionen, trotz Krieg, trotz allem.
Roskosmos selbst nannte das Projekt ein „einzigartiges wissenschaftliches und pädagogisches Projekt". Das Projekt wurde beschleunigt, um Tom Cruise und Hollywood zuvorzukommen – ein Wettrennen wie im Kalten Krieg.
Ein poetisches Autorenfilm-Porträt des Dichters Michail Lermontow. Lange Einstellungen, keine klassische Dramaturgie, Fokus auf Stimmung und innere Zerrissenheit. Kein offensiver Staatsfilm – und gerade deshalb interessant.
Die Propaganda liegt nicht in dem, was gesagt wird – sondern in dem, was bewusst ausgeblendet wird: der Krieg, die Toten, die Sanktionen. Stattdessen: Russland als Nation großer Dichter, tiefer Gefühle, tragischer Schönheit. Ein Bild, das international gut ankommt – und genau deshalb wirkt.
Ein Kinderfilm. Der achtjährige Baha lebt in einem abgelegenen Bergdorf in Dagestan. Keine Bösewichte, keine Agenda, keine Politik. Raue Kaukasus-Landschaft, authentische Gesichter, eine warme Geschichte über Kindheit und Erwachsenwerden.
Wer käme auf die Idee, das zu hinterfragen? Genau darin liegt die Raffinesse: Ein Kinderfilm ist entwaffnend. Er lädt Familien ein, schafft Sympathie, vermittelt ein Bild von Russland – eines der Weite, der Ursprünglichkeit, der Menschlichkeit. Nichts davon ist gelogen. Und dennoch: Es ist ein Bild, das sorgfältig gewählt wurde.
Alexander Schmorell war Mitglied der Weißen Rose. Er wurde 1943 von den Nazis hingerichtet. Er war vier Jahre alt, als er aus Russland nach München kam. Russisch war seine erste Sprache.
Das Russische Haus zeigt eine Ausstellung, die genau darauf fokussiert: auf die „russische Seele" dieses Widerstandskämpfers. Unter offizieller Schirmherrschaft der russischen Botschaft. Im vierten Jahr, in dem Russland sich als antifaschistischer Befreier der Ukraine inszeniert.
Ein Opfer des Nationalsozialismus wird posthum zur Projektionsfläche imperialer Mythologie. Das ist keine Interpretation – das ist die Logik dieser Ausstellung, in diesem Haus, in diesem Jahr.
Das Muster
Kein einzelner Film, keine einzelne Ausstellung beweist für sich genommen etwas. Das ist der Punkt. Das Muster entsteht im Zusammenspiel: Staatskino neben Autorenkino neben Kinderfilm neben Gedenkausstellung – ein Programm, das jeden abholt, das niemanden abschreckt, das Russland als normale, reiche, tiefgründige Kulturnation erscheinen lässt.
Während russische Raketen ukrainische Städte treffen. Während Dissidenten sterben. Während Sanktionen gelten, die niemand durchsetzt.
Das Russische Haus ist kein plumpes Propagandainstitut. Es ist ein gut gemachtes. Und genau das macht es gefährlicher.
Eine weitere Beobachtung: Gefühlt 90 Prozent der gezeigten Filme haben mit Krieg zu tun – in einem Haus, dessen Direktor betont, Politik sei kein Thema. Die Kriegsfilme im Programm tun dies entweder aus russisch-historischer Perspektive – den Zweiten Weltkrieg als sowjetischen Triumph – oder sie inszenieren Russland als leidende, aber standfeste Nation. Kritik am aktuellen Krieg gegen die Ukraine: nicht vorhanden.