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Henry Lindemeier mit Protestschild – Süddeutsche Zeitung
© Friedrich Bungert / Süddeutsche Zeitung
Süddeutsche Zeitung

Der Kampf eines Mannes

16. Dezember 2025  ·  Von Sebastian Herrmann und Georg Ismar  ·  Fotos: Friedrich Bungert  ·  Lesezeit: 12 Min.

Was steht drin

  • Bisher aufwendigstes Porträt – 12 Minuten Lesezeit, professionelle Fotostrecke von Friedrich Bungert
  • Live-Reportage vom „Großkampftag" 9. Dezember 2025: Russisches Haus meldet Gegen-Veranstaltung an, um Henrys Demo zu blockieren
  • Über 100 Anzeigen aus dem Russischen Haus, drei Strafbefehle gegen Henry
  • Grünen-MdB Robin Wagener und CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter fordern Schließung des Hauses
  • Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, 24. Juni 2025: Bundesbank handelte korrekt, als sie Stromzahlungen wegen Sanktionsverdacht verweigerte
  • Vertrag von 2011 zwischen Deutschland und Russland: einseitige Kündigung erst nach 99 Jahren möglich
Warum relevant Die bisher stärkste publizistische Aufarbeitung – mit Gerichtsurteil, Politikerstatements und Live-Dokumentation der Taktik des Russischen Hauses, Henrys Demonstrationsrecht durch eigene Gegenveranstaltungen auszuhebeln.

Sanktionen & Rechtslage

  • Rossotrudnitschestwo seit Juli 2022 auf EU-Sanktionsliste – Einfrierung von Vermögenswerten, wirtschaftliches Bereitstellungsverbot
  • Dennoch: Sprachkurse, Restaurant, Konzerte, Theateraufführungen laufen weiter
  • Verdacht: Dutzende Mietwohnungen im Komplex – Klingelschilder zeigen nur Nummern
  • Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verstößen gegen das Außenwirtschaftsgesetz
  • Berliner Datenschutzbeauftragter prüft illegale Straßenüberwachung

Geld & Vertrag

  • Deutschland zahlt 70.000 € Grundsteuer jährlich aus dem Bundeshaushalt – so sieht es das deutsch-russische Abkommen von 2011 vor
  • Vertrag lässt einseitige Kündigung erst nach 99 Jahren zu – also frühestens 2110
  • 2023: Bundesbank verweigerte Stromzahlungen wegen Sanktionsverdacht
  • Bayerischer VGH, 24. Juni 2025: Bundesbank handelte korrekt
  • Wie seitdem Strom bezahlt wird – das Russische Haus beantwortet das nicht

Protest & Polizei

  • 9. Dezember 2025: Russisches Haus meldet eigene Veranstaltung „Lassen Sie sich nicht provozieren!" an – Henrys Demo wird verboten
  • Über 100 Anzeigen aus dem Russischen Haus gegen Henry, drei Strafbefehle
  • Polizei stufte Henrys Gespräch mit Unterstützern als „unangemeldete Versammlung" ein – weitere Anzeige
  • Direktor Izvolskiy spricht mit „großer Wertschätzung" von der Berliner Polizei

Politik

  • Grünen-MdB Robin Wagener: „Es kann nicht sein, dass diese Propagandabude auch noch Geld von uns bekommt"
  • CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter: Haus ist „verlängerter Arm Putins", muss „unverzüglich geschlossen" werden
  • Auswärtiges Amt sieht keine Handhabe – beruft sich auf Wiener Konvention

Die folgenden Auszüge geben die wesentlichen Inhalte des Artikels wieder. Der vollständige Originalartikel erschien in der jeweiligen Publikation.

Henry Lindemeier zieht den Stoff seiner Ukraine-Fahne über die Alustange, hängt sich eine Bluetooth-Box mit Gurt über die Schulter und ein Schild vor die Brust. Aus seinem Kragen blitzt der gelbe Dreizack des Wappens der Ukraine hervor. Er knallt den Kofferraum zu, schließt sein Auto ab. Dann marschiert er los, in seinen Kampf.

Henry Lindemeier, 63 Jahre alt, Brille, schulterlange Haare, Unternehmer, Psychotherapeut, Tangotänzer und Freund selbstgedrehter Zigaretten, läuft jetzt mit geschulterter Fahnenstange die Friedrichstraße entlang. Es ist der 9. Dezember, er nennt ihn „Großkampftag".

Seit eineinhalb Jahren veranstaltet Lindemeier vor dem Russischen Haus die wohl längste Ein-Mann-Demo des Landes, für die Ukraine, für ein freies Europa, für eine Schließung des Russischen Hauses. Viele Anwohner kennen ihn, die im Russischen Haus kennen ihn, die Polizei sowieso.

Das Russische Haus ist eines der größten russischen Kulturinstitute weltweit. 29.000 Quadratmeter misst der Komplex, eröffnet 1984. Betreiber ist die staatliche Behörde Rossotrudnitschestwo, die seit Juli 2022 auf der Sanktionsliste der EU steht. Eigentlich dürften hier gar keine kommerziellen Veranstaltungen mehr stattfinden. Gleichzeitig zahlt der deutsche Staat weiter die fällige Grundsteuer: 70.000 Euro im Jahr, aus dem Bundeshaushalt. Das sieht ein deutsch-russisches Abkommen von 2011 so vor.

„Es kann nicht sein, dass der deutsche Staat diesem feindseligen Russland auch noch einen Ort finanziert, den es als Basis für seinen hybriden Krieg gegen das freie Europa nutzen kann." – Henry Lindemeier

Für den 9. Dezember haben die Betreiber des Russischen Hauses eine eigene Veranstaltung angemeldet: „Lassen Sie sich nicht provozieren!" Lindemeier erfuhr davon in der Nacht davor. Die Polizei teilte ihm mit, er dürfe seine Demo an diesem Tag nicht abhalten. Etwa zwanzig Polizisten stehen vor dem Eingang. Sie sind seinetwegen hier.

2023 weigerte sich das Servicezentrum Finanzsanktionen der Bundesbank, Rechnungen für das Russische Haus zu begleichen – wegen hoher Stromkosten, die auf einen wirtschaftlichen Betrieb und damit auf einen Sanktionsverstoß hindeuteten. Das Russische Haus klagte. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof urteilte am 24. Juni 2025: Die Bank handelte korrekt.

„Die Russen haben gewonnen." – Henry Lindemeier, am Ende des Großkampftags

Lindemeier fragt sich manchmal, wessen Freiheit die Polizei hier eigentlich verteidigt. Er ist fassungslos, dass er an seinem Großkampftag noch nicht mal als Einzelperson vor dem Russischen Haus die Ukraine-Fahne zeigen darf.