Die folgenden Auszüge geben die wesentlichen Inhalte des Artikels wieder. Der vollständige Originalartikel erschien in der jeweiligen Publikation.
Henry Lindemeier zieht den Stoff seiner Ukraine-Fahne über die Alustange, hängt sich eine Bluetooth-Box mit Gurt über die Schulter und ein Schild vor die Brust. Aus seinem Kragen blitzt der gelbe Dreizack des Wappens der Ukraine hervor. Er knallt den Kofferraum zu, schließt sein Auto ab. Dann marschiert er los, in seinen Kampf.
Henry Lindemeier, 63 Jahre alt, Brille, schulterlange Haare, Unternehmer, Psychotherapeut, Tangotänzer und Freund selbstgedrehter Zigaretten, läuft jetzt mit geschulterter Fahnenstange die Friedrichstraße entlang. Es ist der 9. Dezember, er nennt ihn „Großkampftag".
Seit eineinhalb Jahren veranstaltet Lindemeier vor dem Russischen Haus die wohl längste Ein-Mann-Demo des Landes, für die Ukraine, für ein freies Europa, für eine Schließung des Russischen Hauses. Viele Anwohner kennen ihn, die im Russischen Haus kennen ihn, die Polizei sowieso.
Das Russische Haus ist eines der größten russischen Kulturinstitute weltweit. 29.000 Quadratmeter misst der Komplex, eröffnet 1984. Betreiber ist die staatliche Behörde Rossotrudnitschestwo, die seit Juli 2022 auf der Sanktionsliste der EU steht. Eigentlich dürften hier gar keine kommerziellen Veranstaltungen mehr stattfinden. Gleichzeitig zahlt der deutsche Staat weiter die fällige Grundsteuer: 70.000 Euro im Jahr, aus dem Bundeshaushalt. Das sieht ein deutsch-russisches Abkommen von 2011 so vor.
„Es kann nicht sein, dass der deutsche Staat diesem feindseligen Russland auch noch einen Ort finanziert, den es als Basis für seinen hybriden Krieg gegen das freie Europa nutzen kann." – Henry Lindemeier
Für den 9. Dezember haben die Betreiber des Russischen Hauses eine eigene Veranstaltung angemeldet: „Lassen Sie sich nicht provozieren!" Lindemeier erfuhr davon in der Nacht davor. Die Polizei teilte ihm mit, er dürfe seine Demo an diesem Tag nicht abhalten. Etwa zwanzig Polizisten stehen vor dem Eingang. Sie sind seinetwegen hier.
2023 weigerte sich das Servicezentrum Finanzsanktionen der Bundesbank, Rechnungen für das Russische Haus zu begleichen – wegen hoher Stromkosten, die auf einen wirtschaftlichen Betrieb und damit auf einen Sanktionsverstoß hindeuteten. Das Russische Haus klagte. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof urteilte am 24. Juni 2025: Die Bank handelte korrekt.
„Die Russen haben gewonnen." – Henry Lindemeier, am Ende des Großkampftags
Lindemeier fragt sich manchmal, wessen Freiheit die Polizei hier eigentlich verteidigt. Er ist fassungslos, dass er an seinem Großkampftag noch nicht mal als Einzelperson vor dem Russischen Haus die Ukraine-Fahne zeigen darf.