Der Direktor des Russischen Hauses ist über Nacht verschwunden. Sein stiller Abgang könnte das erste Mal sein, dass das Auswärtige Amt einen Hebel gezogen hat, den es seit Jahren in der Hand hält.
Mitte Mai gibt Pawel Iswolski noch Interviews. Der Direktor des Russischen Hauses in Berlin, seit 2017 im Amt, redet wie immer: Wer behaupte, das Haus mache Propaganda, betreibe selber welche. Auf Instagram postet er Fotos aus dem Innenhof, ein Wandbild, ein paar Berliner Projekte. Alles wie gehabt. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Mann das Land verlassen will.
Wenige Tage später steht derselbe Mann in Nischni Nowgorod, seiner Heimatstadt, vor russischen Sprachstudenten. Und wird vorgestellt als: Ex-Direktor.
Keine Ankündigung, keine Verabschiedung, keine Erklärung. In seiner Instagram-Biografie steht plötzlich „Former Director", sein letzter Beitrag ist ein Video mit dem Titel „Neun Jahre in neun Minuten. Ohne Worte." Der Chef des größten russischen Kulturzentrums außerhalb Russlands ist über Nacht verschwunden – und kaum jemand weiß, warum.
Iswolski lebte von 2017 bis 2022 mit einem Dienstpass in Deutschland. Im Mai 2022 erhielt er eine Diplomatenkarte. Diese gilt vier Jahre. Sie wäre jetzt, im Mai 2026, fällig gewesen. Vieles spricht dafür, dass sie nicht verlängert wurde.
Das klingt nach einer Formalie. Es ist das Gegenteil.
Genau dieser Diplomatenstatus hat das Russische Haus jahrelang unangreifbar gemacht. Als die Berliner Staatsanwaltschaft 2023, nach einer Strafanzeige des früheren Grünen-Politikers Volker Beck, wegen möglicher Sanktionsverstöße ermittelte, wurde das Verfahren eingestellt. Begründung: Die Verantwortlichen genießen diplomatische Immunität. Man kommt nicht an sie heran.
Fällt der Status, fällt der Schutz. Genau diese Möglichkeit hatten die Juristen Patrick Heinemann und Felix W. Zimmermann schon Anfang 2023 in der Legal Tribune Online benannt: Bei Diplomaten, die mit Straftaten auffallen, könne das Auswärtige Amt erwägen, sie zur persona non grata zu erklären – mit der Folge, dass sie Deutschland verlassen müssen. Damals war das eine theoretische Option.
Sie steht schon bereit. Svetlana Nekrasova, bisher Iswolskis Stellvertreterin und seit 24. Oktober 2020 mit Diplomatenstatus in Berlin gemeldet, übernimmt die Leitung. Ihr Profil ist anders als das des Vorgängers – und genau deshalb interessant.
Nekrasova ist keine Geheimdienstfunktionärin. Sie ist Kulturwissenschaftlerin. In den frühen 2000er Jahren leitete sie die Museumsabteilung im Kulturministerium der Russischen Föderation. 2012 wechselte sie zu Rossotrudnitschestwo, übernahm dort die Abteilung für Museums- und Bibliotheksprogramme. Ab 2018 war sie für die russische Behörde in Wien tätig, ab 2021/22 in Berlin – zunächst in leitender Stellvertreterrolle, seit 2023 ausdrücklich als stellvertretende Direktorin für Kultur. Sie organisierte Ausstellungen und Filmreihen.
Pikant ist, wer sie unter anderem ausgebildet hat: Deutschland.
Nekrasova war Bundeskanzler-Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, ein Programm für angehende Führungskräfte, finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amts. Sie arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg", finanziert von der VolkswagenStiftung. Sie veröffentlichte vor 20 Jahren einen deutschen Aufsatz in der Zeitschrift „Osteuropa" zur Restitution von Kulturgütern – mit der heute fast surrealen Pointe, dass Russland und die Ukraine in dieser Frage zusammenarbeiten sollten. Sie war Mitglied im Deutsch-Russischen Museumsdialog.
Mit anderen Worten: Deutschland hat über Jahre eine russische Kulturfunktionärin in seine wissenschaftlichen und kulturpolitischen Netzwerke integriert. Heute leitet sie eine Außenstelle einer Behörde, die seit Juli 2022 auf der EU-Sanktionsliste steht.
Ob Iswolski das Haus führt oder Nekrasova, ändert nichts. Es wechselt der Hausherr, nicht das Haus. Es liegt weiterhin in der Friedrichstraße, ist weiterhin der größte Auslandsableger von Rossotrudnitschestwo, der Bundesbehörde des russischen Außenministeriums. Die EU hat sie im Juli 2022 sanktioniert – als Kanal für Kreml-Propaganda.
Die eigentliche Frage ist nicht die Person an der Spitze, sondern der Vertrag, der dieses Haus überhaupt erst möglich macht. Und der ist kündbar. Die Frist läuft bis zum 6. Dezember 2026.
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