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Europa-Dossier · Länderakte Bulgarien

Sofia erkannte das Sanktionsproblem – doch das Russische Kulturzentrum arbeitet weiter

Das Russische Kultur- und Informationszentrum in der Schipka-Straße 34 ist eine offizielle Auslandsvertretung Rossotrudnitschestwos. Bulgarien erkannte 2024 die mögliche sanktionsrechtliche Erfassung ausdrücklich an. Vollzogen wurde sie nicht. 2026 stellte die Steuerbehörde wirtschaftliche Tätigkeit ohne entsprechende Steuererklärungen fest; das Zentrum blieb dennoch geöffnet.

Status
Aktiver offizieller Standort Steuerverfahren anhängig Sanktionsvollzug offen
Kernbefund

Bulgarien ist ein Fall angekündigter, aber nicht vollzogener Maßnahmen. Die Regierung erkannte 2024 die mögliche sanktionsrechtliche Erfassung des Zentrums an. 2026 stellte die Steuerbehörde steuerpflichtige wirtschaftliche Tätigkeit ohne entsprechende Steuererklärungen und Steuerzahlungen fest. Das Zentrum arbeitet weiter.

Kurzbefund

ZentrumRussisches Kultur- und Informationszentrum (РКИЦ), Sofia
TrägerRossotrudnitschestwo, eine dem russischen Außenministerium unterstellte Föderalagentur
OrtSchipka-Straße 34, Sofia
RechtsgrundlageSpogodba über Zusammenarbeit in den Bereichen Kultur, Bildung und Wissenschaft vom 19. April 1993; einzelne Vertragsdetails sind noch zu verifizieren
StatusOffizieller Standort weiterhin aktiv; mögliche Sanktionsmaßnahmen nicht vollzogen; Steuerverfahren anhängig
BesonderheitDokumentierte Zusammenarbeit mit städtischen Schulen und Kindergärten; im Haus befindet sich außerdem der von einem Drittanbieter betriebene Kampfflugzeug-Simulator „Fotonika“

Chronologie

19. April 1993

Abkommen über Kultur, Bildung und Wissenschaft

Bulgarien und Russland schließen die Spogodba über Zusammenarbeit in den Bereichen Kultur, Bildung und Wissenschaft. Auf ihrer Grundlage werden später zwischenstaatliche Kooperationsprogramme vereinbart.

April 2018

Jugendfestival und Flugzeugsimulator

Im Russischen Kultur- und Informationszentrum wird der Simulator „Fotonika“ bei einem russischen Jugendfestival für wissenschaftlich-technisches Schaffen vorgestellt. Spätere Angebote nennen unter anderem Su-33, Su-25T, MiG-29 und F-16 sowie Luftkampf und Angriffe auf Bodenziele; Gutscheine werden ausdrücklich ab sechs Jahren angeboten.

Juni 2023

Proteste nach Propagandafilm „Asowstal“

Die Vorführung des russischen Films „Asowstal“ führt zu Protesten und einer Petition für die Schließung des Zentrums. In den ersten vier Tagen kommen mehr als 3.500 Unterschriften zusammen.

Quelle: Svobodna Evropa

Februar 2024

Außenministerin unterstützt mögliches Einfrieren von Vermögenswerten

Die damalige Vizepremier- und Außenministerin Maria Gabriel erklärt in der parlamentarischen Kontrolle, die Konten des Zentrums könnten eingefroren werden und ihr Ministerium würde einen solchen Schritt unterstützen. Zugleich verweist sie auf unklare nationale Zuständigkeiten beim Sanktionsvollzug.

23. April 2024

Recherche zu Schulen und Kindergärten

Die Sega-Journalistin Doroteja Datschkowa dokumentiert nach einem Informationsfreiheitsantrag zahlreiche Besuche städtischer Schulen und Kindergärten im Zentrum nach dem 24. Februar 2022. Eine Schule meldet sechs Besuche mit 449 Kindern aus 19 Klassen, eine weitere 134 Drittklässler, eine dritte eine Veranstaltung mit 300 Schülerinnen und Schülern.

Quelle: Sega

März–August 2026

Steuerprüfung und angeordnete Revision

Die Nationale Einnahmenagentur stellt fest, dass das Zentrum steuerpflichtige wirtschaftliche Tätigkeit ausübt, aber keine Jahressteuererklärungen abgegeben und keine entsprechenden Steuern gezahlt hat. Die Prüfung endet am 20. März 2026; im April wird eine Revision für 2021 bis 2025 angeordnet. Bis Anfang August ist sie noch nicht angelaufen.

Rechtsgrundlage

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Die Recherche von Sega zeigt, dass die Kontakte des Zentrums zu Schulen und Kindergärten nicht auf einzelne private Besuche beschränkt waren. Dokumentiert sind Klassenbesuche, Rezitationswettbewerbe, ein historisches Quiz sowie weitere Veranstaltungen nach Beginn des russischen Großangriffs.

Velina Todorova, Vizevorsitzende des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes, bewertete Russischunterricht und praktische Sprachanwendung nicht grundsätzlich als problematisch. Angesichts des russischen Angriffskrieges müsse die Teilnahme von Kindern an vom Zentrum organisierten und finanzierten Veranstaltungen jedoch sorgfältig neu bewertet und kontrolliert werden.

Kampfflugzeug-Simulator im Kulturzentrum

Zum Betrieb des Hauses gehört die Vermietung von Räumen an Dritte. Im Untergeschoss betreibt ein bulgarischer Anbieter den Kampfflugzeug-Simulator „Fotonika“. Angebote nennen Kunstflug, Luftkampf und Angriffe auf Bodenziele; ein Gutschein gilt ausdrücklich ab sechs Jahren. Das Gerät gehört nicht Rossotrudnitschestwo, befindet sich aber im von der sanktionierten Agentur betriebenen Kulturzentrum.

Einordnung

Bulgarien zeigt eine andere Variante als Rumänien oder Moldau. Die politische und sanktionsrechtliche Problemlage wurde erkannt, führte aber bislang weder zu einer Schließung noch zu einem sichtbaren Vollzug gegen das Zentrum. Stattdessen entwickelte sich 2026 ein Steuerverfahren, das selbst Monate nach seiner Anordnung noch nicht begonnen hatte.

Das Zentrum arbeitet weiter – trotz EU-Sanktionen gegen seinen Träger, trotz angekündigter möglicher Vermögensmaßnahmen und trotz einer Steuerprüfung, die wirtschaftliche Tätigkeit ohne entsprechende Erklärungen und Zahlungen feststellte.

Quellen

Investigative und amtliche Quellen

Offene Fragen

Recherchestand: 13. August 2026Einzelne Vertragsdetails sind noch in Prüfung. Hinweise und Dokumente bitte an kontakt@antwortseiten.org.