Pressemappe · Russisches Haus BerlinÜberwachung im öffentlichen RaumStand 06/2026
Sicherheitsanalyse
Kameraüberwachung am Russischen Haus: Reichweite und Rechtmäßigkeit werden geprüft
Das Russische Haus überwacht die Friedrichstraße systematisch mit Kameras. Während der Berliner Datenschutzbeauftragte ein förmliches Prüfverfahren führt, schweigt die Politik weitgehend zum potenziellen Abfluss von Bilddaten an einen sanktionierten Staatsakteur.
Laufendes Prüfverfahren
Der Berliner Datenschutzbeauftragte prüft, ob die am Russischen Haus angebrachten Überwachungskameras unzulässigerweise den öffentlichen Straßenraum erfassen. Ein abschließendes Ergebnis der datenschutzrechtlichen Bewertung steht aus.
Vier dokumentierte Kamerapositionen am Russischen Haus Berlin (Friedrichstraße 176–179). Quelle: Marc Schneiders.
Was wir wissen
Das Russische Haus betreibt mindestens vier Kameras an seiner Fassade zur vielbefahrenen Friedrichstraße hin, was im vorliegenden Lageplan detailliert dokumentiert ist.
taz, April 2025 / Tages-Anzeiger, Februar 2026 / Recherche Marc Schneiders
Rechtlich zulässig wäre ausschließlich die gezielte Überwachung des eigenen Eingangsbereichs zur Eigentumssicherung.
Eine Erfassung von öffentlichen Bürgersteigen und Straßen ist in der Regel unzulässig. Datenschutzrechtlich wiegen die Persönlichkeitsrechte unbeteiligter Passanten im öffentlichen Raum schwerer als die Sicherheitsinteressen privater oder staatlicher Betreiber.
Der Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit prüft derzeit, ob die Kameras die zulässigen Grenzen überschreiten und illegal öffentlichen Raum filmen.
Tages-Anzeiger, Februar 2026
Die Existenz nutzbarer Aufnahmen gilt als belegt: Bildmaterial dieser Kameras wurde laut Medienberichten bereits als Beweismaterial in Polizeiverfahren gegen den Aktivisten Henry Lindemeier eingebracht. Ob diese Beweise rechtmäßig erhoben wurden, ist Kern der datenschutzrechtlichen Untersuchung.
taz, April 2025
Zusätzlich zu den fest installierten Systemen filmte der Direktor des Hauses, Pawel Iswolski, den protestierenden Lindemeier persönlich mit seinem Smartphone – und zwar 46 Sekunden lang, wortlos und aus unmittelbarer Nähe.
X/@Sunnymica, 1. August 2025 → Video ansehen
Durch den Erfassungswinkel der Kameras werden potenziell täglich hunderte völlig unbeteiligte Passantinnen und Passanten aufgezeichnet, die lediglich die Friedrichstraße entlanglaufen.
Was das bedeutet
Das Russische Haus wird direkt von Rossotrudnitschestwo betrieben. Hierbei handelt es sich um eine russische Bundesbehörde, die seit Juli 2022 auf der EU-Sanktionsliste steht. Damit überwacht eine sanktionierte ausländische Staatsstruktur potenziell den öffentlichen Raum im Herzen der deutschen Bundeshauptstadt.
Solche hochauflösenden Videoaufnahmen eignen sich zur systematischen Identifikation von Personen, die das Haus betreten, davor protestieren oder sich regelmäßig in dessen Umfeld bewegen.
In einem Kontext, in dem der russische Staat nachweislich hybride Einflussarbeit betreibt, Dissidenten im Ausland überwacht und Oppositionelle unter Druck setzt, stellt diese Infrastruktur ein reales Sicherheitsrisiko dar.
Ausspähungsaktivitäten russischer Akteure in Deutschland sind gut dokumentiert. In einem von der Bundesanwaltschaft verhandelten Fall ging es um die gezielte Aufklärung von Personen zur Vorbereitung möglicher Sabotage- oder Gewaltakte.
Generalbundesanwalt, Anklageschrift von Mai 2025
Die Verwendung dieser privaten Videoaufnahmen durch deutsche Strafverfolgungsbehörden wirft kritische Fragen auf, inwieweit die rechtliche Zulässigkeit der Beweismittel vorab geprüft wurde. Eine offizielle Aufklärung steht hierzu noch aus.
Offene Fragen an Politik und Behörden
Welche konkreten Bereiche werden durch die Kameras des Russischen Hauses erfasst und wie lange werden die Bilddaten gespeichert?
Wer steuert die Kameras, wo liegen die Server und fließen diese Bilddaten direkt an Sicherheitsbehörden in der Russischen Föderation ab?
Hat die Berliner Polizei vor der Verwertung der Videoaufnahmen im Ermittlungsverfahren geprüft, ob es sich um illegal erstellte Aufnahmen handelt?
Warum greifen die zuständigen deutschen Behörden und die Politik angesichts der klaren Sanktionslage gegen Rossotrudnitschestwo bei dieser Form der Datenerhebung im öffentlichen Raum nicht ein?
Welche diplomatischen oder rechtlichen Konsequenzen gäbe es, wenn das Goethe-Institut in Moskau den Straßenraum vor seinem Gebäude mit 360-Grad-Kameras überwachen würde?