Im Juli 2026 ordnete das französische Innenministerium die Ausweisung der früheren RT-France-Chefin Xenia Fedorova an. In der Begründung steht ein Satz über Berlin: Das Russische Haus werde als Tarnung von den russischen Geheimdiensten genutzt. Es ist, soweit öffentlich bekannt, die erste behördliche Einstufung dieser Art durch einen EU-Mitgliedstaat. Deutsche Stellen teilen sie bis heute nicht.
Zwei Dinge sind seit der ersten Fassung dieser Seite hinzugekommen. Die Bundesregierung hat am 1. September das Tätigkeitsabkommen gekündigt; die frühere Frage „Warum wird nicht gekündigt?“ ist damit beantwortet. Und der Spiegel berichtete am 5. September, dass in der Bundesregierung über die französische Einstufung eher Verwunderung herrschte – als Agentennest sei das Berliner Haus den deutschen Sicherheitsbehörden nicht aufgefallen. Diese Gegenposition ist unten dokumentiert.
Die Formulierung steht in der Ausweisungsanordnung gegen Xenia Fedorova, die den französischen Ableger des russischen Staatssenders RT geleitet hatte. Frankreich wirft ihr gezielte Einflussnahme und Desinformation vor. Außenminister Jean-Noël Barrot bezeichnete sie als professionelle Agentin, die vom Kreml gesteuerte Destabilisierungsaktionen geleitet habe. Nach Berichten der FAZ hatte sie sich um die Nachfolge des bisherigen Direktors des Russischen Hauses in Berlin beworben. Die FAZ verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Leitung des Hauses nach dem Tätigkeitsabkommen diplomatischen oder konsularischen Status erhalten kann; ein entsprechendes Motiv Fedorovas ist damit nicht belegt. Die deutschen Behörden hatten bereits 2024 ein Einreiseverbot gegen sie verhängt, ohne Aufsehen zu erregen.
Der Berlin-Bezug ist also kein Nebensatz: Die Anordnung erwähnt das Haus, weil die ausgewiesene Person dorthin wollte. Damit stammt die Einschätzung nicht von Aktivisten oder politischen Gegnern, sondern aus einem Sicherheitsverfahren eines EU-Partnerstaats, in dem Deutschland und Frankreich nach Darstellung der FAZ Informationen austauschten.
Als die Bundesregierung Anfang September ihr Maßnahmenpaket beschloss, richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Russische Haus. Der Spiegel beschrieb die Lage innerhalb der Regierung anders: Dort sei man über die französische Formulierung eher verwundert gewesen. Man müsse bei jeder Liegenschaft, die von der Regierung der Russischen Föderation genutzt werde, auch von einer geheimdienstlichen Nutzung ausgehen; als Agentennest sei die Einrichtung den deutschen Sicherheitsbehörden aber nicht aufgefallen.
Nach diesem Bericht war nicht Berlin, sondern das russische Generalkonsulat in Bonn der zentrale Standort für Geheimdienstarbeit: rund 70 von Moskau entsandte Mitarbeiter, technische Anlagen auf dem Gelände, die mutmaßlich für Lauschoperationen genutzt werden, mehrere dort operierende Dienste. Das Interesse habe vor allem NATO- und Bundeswehr-Kommandostellen in der Rheinregion gegolten, dazu dem Verteidigungsministerium in Bonn sowie Verfassungsschutz und Militärischem Abschirmdienst in Köln. 2023 sollte ein Bundeswehrsoldat, der dem Kreml Dokumente anbot, diese im Bonner Generalkonsulat abgeben; er wurde kurz vor der Übergabe festgenommen.
Der Bundesregierung sei es nicht unrecht gewesen, dass Bonn in der Debatte keine Rolle spielte. Die Schließung des Generalkonsulats zum 18. September traf Moskau nach dieser Darstellung härter als das Ende des Kulturinstituts.
Für die Bewertung des Berliner Hauses heißt das: Es stehen zwei behördliche Einschätzungen nebeneinander, eine französische und eine deutsche, und sie decken sich nicht. Beide sind nur mittelbar zugänglich, über Berichterstattung. Die französische ist schriftlich in einem Verwaltungsakt festgehalten, die deutsche wird aus Regierungskreisen wiedergegeben. Eine öffentliche Feststellung deutscher Sicherheitsbehörden zum Berliner Haus gibt es bis heute nicht.
Unabhängig von der Frage nachrichtendienstlicher Nutzung ist der institutionelle Befund unstrittig: Träger des Hauses ist Rossotrudnitschestwo, eine Bundesagentur im Geschäftsbereich des russischen Außenministeriums, seit dem 21. Juli 2022 auf der EU-Sanktionsliste. Die französische Bewertung ergänzt diesen Befund um eine geheimdienstliche Dimension, sie ersetzt ihn nicht.
Am 26. August legten WDR und Tagesschau nach und veröffentlichten ein als geheim eingestuftes KGB-Lehrbuch von 1968. Es beschreibt, wie sowjetische Nachrichtendienste kulturelle Einrichtungen systematisch als Deckmantel für Auslandsarbeit nutzten: zur Einschleusung von Personal und zur Unterwanderung der Exilopposition. Das belegt keine heutige operative Tätigkeit in der Friedrichstraße. Es zeigt die Methode, vor deren Hintergrund die französische Einschätzung gelesen wird.
Ein weiterer Hinweis wird regelmäßig zitiert und bleibt eine Vermutung: Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter verwies auf einen auffällig hohen Stromverbrauch des Hauses im Jahr 2023, der auf nachrichtendienstliche Technik hindeuten könne. Bekannt wurde der Verbrauch, weil das Haus seit der Sanktionierung über sein Bundesbankkonto nicht mehr frei verfügen kann und Ausgaben begründen muss. Deutsche Behörden haben die Vermutung nie öffentlich bestätigt; der Hausmeister erklärte den Verbrauch gegenüber dem niederländischen Sender NOS mit Klimaanlage und zwei Öfen für Kinderkochkurse.
Wenige Tage nach der deutschen Entscheidung sendete BFMTV eine Reportage über die Maisons russes in Paris. Der Aufhänger war Berlin: Nach den Angriffen auf den Flughafen Leipzig habe Deutschland als Vergeltung russische Häuser auf seinem Gebiet geschlossen; in Paris habe man nachgesehen, was in diesen offiziell als Kulturzentren geführten Einrichtungen tatsächlich stattfindet.
BFMTV, 7. September 2026: „Les Maisons russes, des centres culturels qui abriteraient des espions en plein Paris“.
Der Reporter besuchte das Haus mit versteckter Kamera, nachdem ein Termin per E-Mail vereinbart worden war; ohne Anmeldung war kein Zutritt möglich. Als Student ausgegeben, fragte er nach der Ausstellung, die auf dem Plakat angekündigt war. Antwort: heute keine Ausstellung. An der Rezeption wirkte die Verantwortliche auf Besucher wenig eingestellt. Als einzige Aktivität blieb die Bibliothek, für die eine Anmeldung nötig war; der Reporter verließ das Haus mit einem Merkzettel.
Der Sender lässt einen früheren Angehörigen des KGB zu Wort kommen, dessen Name im Beitrag nicht genannt wird. Er sagt, sämtliche dieser Häuser würden von den russischen Nachrichtendiensten als Deckung für Spionage genutzt, auch für Gegenspionage: Man beobachte nicht nur Franzosen, sondern auch die in Frankreich lebenden Russen. Ein Drittel des Personals arbeite nach seiner Einschätzung für die Dienste. Der Beitrag nennt 15 Russische Häuser in Europa.
Das ist die Aussage eines Zeitzeugen mit Dienstvergangenheit, keine behördliche Feststellung und keine Zahl, die sich überprüfen ließe. Sie steht hier als das, was sie ist: eine Einschätzung, die die französische Aktenformulierung öffentlich flankiert.
Bemerkenswert ist die Konstellation. Ein französischer Sender nimmt die deutsche Entscheidung zum Anlass, das Haus im eigenen Land zu prüfen – in einem Land, dessen Innenministerium das Berliner Haus als Tarnstruktur bezeichnet, das die eigene Einrichtung aber weiterbetreiben lässt.
Auffällig an den Aufnahmen ist nicht, dass niemand da ist. Auffällig ist, wie schwer es gemacht wird, hineinzukommen. Ohne vorher vereinbarten Termin kein Zutritt. Eine Ausstellung, die auf dem Plakat steht und an diesem Tag nicht stattfindet. Eine Rezeption, die auf die Frage, was man hier sonst tun könne, keine Routine hat. Und als einziges Angebot eine Bibliothek, für die man sich anmelden und Daten hinterlassen muss. Das ist kein Kulturzentrum, dem das Publikum weggeblieben ist. Es ist eines, das den Zugang reguliert.
Darin liegt der Unterschied zu Berlin, und er ist für die Bewertung wichtig. In der Friedrichstraße gab es Kinokarten, Sprachkurse mit mehreren tausend Teilnehmern, Kinderprogramm und Publikumsverkehr bis in die letzten Tage; die Sprecherin des russischen Außenministeriums spottete noch am 9. September, die Deutschen kämen jeden Tag zu den Russischkursen. Berlin war ein Haus mit Reichweite. Die Pariser Aufnahmen zeigen den anderen Typ: eine Adresse, die vor allem existiert, ohne zu werben. Was daraus über die Nutzung folgt, entscheiden Behörden, nicht eine versteckte Kamera. Dass beide Einrichtungen unter derselben Agentur laufen und derselben Aktenformulierung unterliegen, bleibt davon unberührt.
In Frankreich besteht die Maison russe in Paris weiter. Nach den für das Europa-Dossier geprüften amtlichen Fundstellen wurde das dortige Kulturzentren-Abkommen nicht gekündigt; Frankreich setzte 2022 die staatliche Kultur-, Hochschul- und Wissenschaftskooperation aus und trennt seither vier Ebenen: Programmkooperation, Finanzsanktionsvollzug, diplomatischer Personalstatus und Vertragskündigung. Ausgesetzt ist nicht gekündigt. Der Staat, dessen Behörde das Berliner Haus als Tarnstruktur bezeichnet, betreibt gegenüber der eigenen Einrichtung also einen anderen Weg als Deutschland.
Ausführlich in der Länderakte Frankreich im Europa-Dossier.
Ob die französische Einstufung auf eigenen Erkenntnissen beruht, auf Hinweisen von Partnerdiensten oder auf einer Gesamtbewertung der Rolle Fedorovas, geht aus der Berichterstattung nicht hervor. Der Wortlaut der Anordnung ist nicht veröffentlicht. Eine Anfrage, wie die Bundesregierung die französische Bewertung fachlich einordnet und ob deutsche Dienste zu einem abweichenden Ergebnis kommen, ist damit die naheliegende nächste Frage – und sie ist bislang nicht öffentlich beantwortet.
Stand: 14. September 2026. Der Wortlaut der französischen Ausweisungsanordnung liegt dem Dossier nicht vor; die Zitate folgen der Berichterstattung von WDR und Süddeutscher Zeitung.