Anfang August wurde eine französische Behördeneinschätzung öffentlich, die das Russische Haus als Tarnung der Geheimdienste bezeichnet. Anfang September kündigte die Bundesregierung den Vertrag. Wenig später war der Rossotrudnitschestwo-Publikumsbetrieb faktisch beendet und ein großer Teil des entsandten Personals abgereist. Dazwischen liegt eine Berichterstattung, die sich von der Fachdebatte in die Hauptnachrichten verschoben hat – und seit dem 4. September um einen Polizeieinsatz erweitert wurde.
Neu seit der letzten Fassung: die Reaktionen aus Moskau von Putin bis Sacharowa, der Abtransport der Einrichtung, die Schließung der Goethe-Institute zum 13. September und die juristischen Einordnungen von LTO und FAZ. Die Auswahl folgt der Relevanz für das Dossier; dpa-Übernahmen zählen als eine Welle, nicht als viele eigenständige Recherchen.
Die Ausgangslage: ein Verdacht, eine Frist und die Frage, warum die Bundesregierung nichts tut.
Der Rechercheverbund macht die französische Ausweisungsanordnung gegen Xenia Fedorova öffentlich. Darin wird das Russische Haus in Berlin als Tarnung russischer Geheimdienste bezeichnet. Die SZ fragt zugespitzt, warum die Bundesregierung es nicht schließt.
Das Auswärtige Amt verweist auf zwei bilaterale Abkommen und erklärt eine Schließung für nicht absehbar. Diese Aussage ist drei Wochen später überholt.
Roderich Kiesewetter (CDU) zur Sorge um das Goethe-Institut: „Aber: So what? Dann werden sie halt geschlossen.“ Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Sara Nanni fordern ebenfalls die Schließung.
Europäische Einordnung zu Rossotrudnitschestwo, Sanktionen, französischer Einschätzung, der Grundsteuer und der deutschen Vertragsargumentation.
Friedemann Kohlers große Einordnung wird bundesweit übernommen und stellt Kulturzentrum, Propagandavorwurf, Spionageverdacht, Sanktionen, Kündigungsfrist und Henry Lindemeiers Dauerprotest nebeneinander.
Eine Außenstelle des Bundesdigitalministeriums bezieht die Taubenstraße 42/43 mit rund 130 Beschäftigten. Der frühere BND-Beamte Gerhard Conrad sagt dem FOCUS, bei russischen Liegenschaften müsse bis zum Beweis des Gegenteils mit nachrichtendienstlicher Nutzung gerechnet werden. Das Ministerium erklärt, die Nachbarschaft sei Bestandteil aller Sicherheitsberatungen gewesen.
Der Wendepunkt vor dem Wendepunkt: Nach Spiegel-Informationen ist die Kündigung des Abkommens kein Tabu mehr. Das Auswärtige Amt erklärt auf Anfrage, es überprüfe „umfassend und kontinuierlich die völkervertragsrechtlichen Grundlagen“ des Hauses.
Michaela Wiegel rekonstruiert das Netzwerk um Xenia Fedorova und ihre Bewerbung auf die Leitung in Berlin. Gegen sie besteht seit 2024 ein deutsches Einreiseverbot.
Das Thema erreicht die Hauptnachrichtenlage – ein deutlicher Sprung aus der Fach- und Berlin-Berichterstattung.
Florian Flade und Roman Lehberger legen ein geheimes KGB-Lehrbuch von 1968 vor, das die Nutzung kultureller Einrichtungen als Deckmantel für Nachrichtendienstarbeit beschreibt.
Die Entscheidung, die Gegenreaktion und die Eskalation vor der Tür.
Nach dem Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig/Halle schreibt die Bundesregierung Russland die Verantwortung zu: Kündigung des Tätigkeitsabkommens, Schließung des Generalkonsulats Bonn zum 18. September, verschärfte Einreisekontrollen, härteres Vorgehen gegen die Schattenflotte. Am Folgetag bestätigt das Auswärtige Amt die ausgesprochene Kündigung.
Alexej Hock und Silvia Stöber legen Spionagevorwürfe, Propaganda, Sanktionsfragen, Mieter und Ermittlungshemmnisse offen – und fragen, warum die Bundesregierung das schnellste Instrument, die Kündigung, über Jahre unberührt ließ.
Der niederländische Korrespondent Chiem Balduk berichtet vor Ort. Kiesewetter nennt den auffälligen Stromverbrauch und rund hundert im Haus lebende Russen; der Hausmeister erklärt den Verbrauch mit Klimaanlage und zwei Öfen für Kinderkochkurse.
Patrick Heinemann ordnet ein, was die Kündigung rechtlich bedeutet und wie sie umzusetzen wäre – die juristische Grundlage für die Debatte der folgenden Tage.
Henry Lindemeier, der zweieinhalb Jahre fast täglich vor dem Haus stand, reagiert auf die Ankündigung. Für ihn ist der Protest damit beendet.
Rossotrudnitschestwo verwaltet eine Villa in der Zittauer Straße 29; Mieter ist das Deutsch-Russische Kulturinstitut. Eine sächsische Vereinbarung von 2019 ist nie in Kraft getreten. Der Grünen-Politiker Valentin Lippmann fordert, der Dependance „unverzüglich das Wasser abzugraben“.
Lars Wienand rekonstruiert 92 polizeiliche beziehungsweise staatsanwaltschaftliche Vorgänge gegen Gegner des Hauses. Bis dahin hatte keiner zu einer Verurteilung geführt.
Sergej Lawrow kündigt die Schließung beim Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok an. Goethe-Präsidentin Gesche Joost spricht vom „Ende einer Ära“. Kremlsprecher Dmitri Peskow nennt die Schließung des Bonner Generalkonsulats „absurd“ und kündigt an, den Botschafter in Berlin zu belassen.
Mehrere hundert Menschen demonstrieren für und gegen das Russische Haus, das BSW für den Erhalt, der ukrainische Verein Vitsche dagegen. Nach dem Ende der Versammlungen eskaliert ein Polizeieinsatz gegen Henry Lindemeier und Anette Klassen.
Chefredakteur Jacques Schuster argumentiert gegen die Schließung: Andere Meinungen, auch Propaganda, seien auszuhalten; sie seien der Wetzstein der eigenen Argumente.
Nikolai Klimeniouk hält fest, dass die Bundesregierung eine fristgerechte, ohnehin anstehende Kündigung als harte Strafmaßnahme präsentiert – und damit der russischen Propaganda eine Steilvorlage liefert. Das Haus als solches werde nicht geschlossen.
Matthias Gebauer, Paul-Anton Krüger und Christoph Schult beschreiben Bonn als eigentliche Schaltstelle: rund 70 entsandte Mitarbeiter, technische Anlagen für mutmaßliche Lauschoperationen. Zur französischen Einstufung des Berliner Hauses heißt es, in der Bundesregierung sei man eher verwundert gewesen; als Agentennest sei die Einrichtung den deutschen Behörden nicht aufgefallen.
Simon Röhricht stellt Videoaufnahmen und Polizeidarstellung gegenüber. Rechtsanwalt Patrick Heinemann nennt das Vorgehen der Einsatzkräfte „erkennbar unverhältnismäßig“.
Videoauswertung, Krankenhausdiagnose und die Nachricht, dass das LKA wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt ermittelt.
Die kommissarische Leiterin Swetlana Nekrassowa und weitere Rückkehrer landen in Moskau-Wnukowo und werden von Agenturchef Igor Tschaika und einem Medienaufgebot empfangen. Die Agentur verspricht neue Aufgaben und beziffert die Ausreisefrist auf sieben Tage.
Stefan Scholl berichtet aus Moskau: Am 7. September entzog das russische Außenministerium dem Goethe-Institut und dem deutschen Generalkonsulat St. Petersburg die Erlaubnis. Das Institut muss zum 13. September schließen, das Konsulat zum 18.; 15 Mitarbeitende sichern die Bestände.
Nach dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek nennt der russische Präsident die deutschen Maßnahmen einen „schweren Fehler“ und die Beweise „gefälscht“. Über Merz sagt er, dieser habe das Vertrauen der Bürger verloren. Es ist die erste Reaktion auf Staatsebene – und sie kam ungefragt.
Beladene Fahrzeuge verlassen den Hof zu den Klängen der russischen Nationalhymne, am Eingang hängen Abschiedszettel. Der Präsenzbetrieb bricht deutlich schneller weg, als die Vertragslaufzeit vermuten ließ.
Zusammenfassung der Rechtslage nach FAZ und Moscow Times, dazu die Demonstrationszahlen des Wochenendes: rund 600 Menschen für den Erhalt, rund 100 dagegen.
Katja Kollmann über Architektur, Programm und das Publikum, das nie kam. Tschaika kündigt elf neue Russische Häuser an: acht in Afrika, zwei in Armenien, eines in Thailand. Die Exilinitiative Vesna schlägt vor, das Gebäude als „Haus der Völker Russlands“ neu zu eröffnen.
Rund hundert Teilnehmer, laut TASS überwiegend junge Aktivisten, demonstrieren gegen die Schließung. Einheitlich gestaltete Plakate stellen die deutsche Entscheidung als Angriff auf Kultur und Meinungsfreiheit dar. Ein Veranstalter wird in den Berichten nicht genannt.
Die russische Darstellung und die Gegenstimmen in Deutschland sind hier nur mit ihren nachrichtlichen Anlässen verzeichnet. Beides wird gesondert dokumentiert, damit staatliche Kommunikation nicht in einer Reihe mit journalistischen Recherchen steht.
Weiter im Dossier: Fakten und Rechtslage · Vertragslage · Polizei und Protest · Der 4. September
Aufgenommen ist, was für das Dossier von Belang ist: eigene Recherchen, die Entscheidungen selbst, die juristische Einordnung und die Ereignisse vor Ort. Übernahmen einer Agenturmeldung werden als eine Welle gezählt. Wo kein Link steht, liegt der Beitrag hinter einer Bezahlschranke oder nur als Archivfassung vor. Stand: 14. September 2026.