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Recherche-Dossier · Russisches Haus BerlinPolizei und ProtestAktualisiert 14. September 2026
Behördenverhalten

Zweieinhalb Jahre Anzeigen, Platzverweise, Einsätze. Dann ein Trümmerbruch.

Seit 2024 steht Henry Lindemeier fast täglich mit einer ukrainischen Fahne vor dem Russischen Haus. Die Polizei kam, wenn das Haus rief, und blieb aus, als er selbst bedroht wurde. Einmal hat sie eingeräumt, rechtswidrig gehandelt zu haben. Am 4. September 2026, dem Abend nach der angekündigten Kündigung, endete der Protest mit einer Trümmerfraktur.

Aktualisiert · 14. September 2026

Diese Seite entstand im Juni 2026 und dokumentierte die Einsätze bis Dezember 2025. Seither hat sich die Lage in zwei Schritten verändert: t-online zählte am 3. September 92 polizeiliche und staatsanwaltschaftliche Vorgänge gegen Gegner des Hauses, ohne eine einzige Verurteilung. Und am 4. September eskalierte ein Polizeieinsatz gegen Lindemeier und seine Freundin Anette Klassen; das LKA ermittelt wegen Körperverletzung im Amt. Die Eskalation hat ein eigenes Dossier: Der 4. September 2026 – Video gegen Polizeimeldung. Diese Seite erzählt, was davor war.

Der 4. September in drei Sätzen

Am Abend des 4. September, nach fünf Kundgebungen für und gegen das Russische Haus, prostete Henry Lindemeier zum Abschied in Richtung des Gebäudes und wollte gehen. Ein Beamter hielt ihn am Arm fest, Anette Klassen wollte ihn wegführen und lag kurz darauf am Boden; danach wurde Lindemeier mehrere Meter weit bis an die Hauswand gezerrt und dagegen geschleudert. Die Polizei Berlin beschreibt in ihrer Meldung vom 5. September die umgekehrte Reihenfolge: erst sei er gestürzt, dann habe sie einen Beamten geschlagen.

Stand der Ermittlungen

Anette Klassen erlitt eine Trümmerfraktur des linken Handgelenks, die am 8. September operiert wurde; sie ist mindestens zwölf Wochen arbeitsunfähig. Lindemeier trug Schürfwunden und Knieschmerzen davon. Das Landeskriminalamt ermittelt wegen Körperverletzung im Amt, die Polizei gegen beide wegen Widerstands beziehungsweise tätlichen Angriffs. Am 13. September erstattete Rechtsanwalt Patrick Heinemann Strafanzeige und beantragte, die Ermittlungen außerhalb der Berliner Polizei zu führen. Videos, Meldung im Wortlaut, Chronologie und Verletzungen: Eskalationsdossier.

Patrick Heinemann nannte das Vorgehen der Beamten im Video gegenüber dem Tagesspiegel „erkennbar unverhältnismäßig“ und ordnete es ein: „Die Berliner Polizei hat in dieser Hinsicht einen Ruf weg.“ Ob das stimmt, lässt sich an dieser Seite prüfen. Sie ist die Vorgeschichte.

Die Schieflage in Zahlen

92polizeiliche oder staatsanwaltschaftliche Vorgänge gegen Gegner des Hauses bis September 2026, keiner mit Verurteilung (t-online, 3. September 2026)
33+Polizeieinsätze am Russischen Haus allein 2024, weil Lindemeier dort mit seiner Lautsprecherbox stand; Mindestzahl, die Polizei nennt keine (t-online, Mai 2025)
1Festnahme, deren Rechtswidrigkeit die Polizei Berlin im Klageverfahren formell eingeräumt hat (t-online, Mai 2025)

Die Zahlen auf dieser Seite stammen aus der Berichterstattung von t-online (Mai 2025, September 2026) und der Süddeutschen Zeitung (Dezember 2025). Die Polizei Berlin äußert sich zu Zahl und Umfang der Einsätze nicht; sie verweist auf Datenschutz und laufende Ermittlungen. Aussagen der Beteiligten sind als solche gekennzeichnet.

Über hundert Anzeigen wurden aus dem Russischen Haus gegen Lindemeier erstattet, dazu drei Strafbefehle wegen fortgesetzter Ruhestörung und Beleidigung. Bei einer Anzeige wegen Volksverhetzung ließ das Landeskriminalamt den abgespielten Liedtext übersetzen. Der Befund: nicht volksverhetzend. Die Ermittlungen liefen dennoch erst einmal weiter. Zur Ruhestörung sagt Lindemeiers Anwalt Heinemann, die Diskussion fange jedes Mal bei null an, weil die Polizei keinen Lärmrichtwert nenne und den Schall nicht messe.

„Bei einer gemeldeten Ruhestörung kommen manchmal drei Streifenwagen ans Russische Haus. Als mein Mandant bedroht wurde, war niemand verfügbar.“Rechtsanwalt Christian Wolf · t-online, Mai 2025

Die Vorfälle, chronologisch

„Die Russen haben gewonnen.“Henry Lindemeier am Abend des 9. Dezember 2025 · Süddeutsche Zeitung

Die SZ schreibt, Lindemeier frage sich manchmal, wessen Freiheit die Polizei hier eigentlich verteidige. Das ist die Formulierung der Redaktion, kein Zitat, und steht deshalb nicht in Anführungszeichen.

Einzelfall oder Muster?

Ein behördliches Eingeständnis gibt es in diesem Komplex bislang genau eines: Die Festnahme vom 18. Dezember 2024 war rechtswidrig, das hat die Polizei Berlin im Klageverfahren erklärt. Alles andere ist Gegenstand laufender Verfahren. Was sich aber ohne Verfahren feststellen lässt, ist die Richtung: Einsätze gegen den Protest erfolgten prompt und mit erheblichem Aufwand, Schutz für den Protestierenden blieb wiederholt aus. Dass die Abfolge am 4. September in einem Trümmerbruch endete, hat diese Frage nicht beantwortet. Sie hat sie nur lauter gestellt.

Wer nach dem 4. September fragt, ob es sich um ein einzelnes Versagen handelt, findet auf dieser Seite die Vorgeschichte. Wer nach dem Muster fragt, findet die Zahlen. Die Antwort bleibt Sache der Ermittlungen, die Lindemeiers Anwalt ausdrücklich außerhalb der Berliner Polizei führen lassen will.

Quellen

Stand: 14. September 2026.