Seit 2024 steht Henry Lindemeier fast täglich mit einer ukrainischen Fahne vor dem Russischen Haus. Die Polizei kam, wenn das Haus rief, und blieb aus, als er selbst bedroht wurde. Einmal hat sie eingeräumt, rechtswidrig gehandelt zu haben. Am 4. September 2026, dem Abend nach der angekündigten Kündigung, endete der Protest mit einer Trümmerfraktur.
Diese Seite entstand im Juni 2026 und dokumentierte die Einsätze bis Dezember 2025. Seither hat sich die Lage in zwei Schritten verändert: t-online zählte am 3. September 92 polizeiliche und staatsanwaltschaftliche Vorgänge gegen Gegner des Hauses, ohne eine einzige Verurteilung. Und am 4. September eskalierte ein Polizeieinsatz gegen Lindemeier und seine Freundin Anette Klassen; das LKA ermittelt wegen Körperverletzung im Amt. Die Eskalation hat ein eigenes Dossier: Der 4. September 2026 – Video gegen Polizeimeldung. Diese Seite erzählt, was davor war.
Am Abend des 4. September, nach fünf Kundgebungen für und gegen das Russische Haus, prostete Henry Lindemeier zum Abschied in Richtung des Gebäudes und wollte gehen. Ein Beamter hielt ihn am Arm fest, Anette Klassen wollte ihn wegführen und lag kurz darauf am Boden; danach wurde Lindemeier mehrere Meter weit bis an die Hauswand gezerrt und dagegen geschleudert. Die Polizei Berlin beschreibt in ihrer Meldung vom 5. September die umgekehrte Reihenfolge: erst sei er gestürzt, dann habe sie einen Beamten geschlagen.
Anette Klassen erlitt eine Trümmerfraktur des linken Handgelenks, die am 8. September operiert wurde; sie ist mindestens zwölf Wochen arbeitsunfähig. Lindemeier trug Schürfwunden und Knieschmerzen davon. Das Landeskriminalamt ermittelt wegen Körperverletzung im Amt, die Polizei gegen beide wegen Widerstands beziehungsweise tätlichen Angriffs. Am 13. September erstattete Rechtsanwalt Patrick Heinemann Strafanzeige und beantragte, die Ermittlungen außerhalb der Berliner Polizei zu führen. Videos, Meldung im Wortlaut, Chronologie und Verletzungen: Eskalationsdossier.
Patrick Heinemann nannte das Vorgehen der Beamten im Video gegenüber dem Tagesspiegel „erkennbar unverhältnismäßig“ und ordnete es ein: „Die Berliner Polizei hat in dieser Hinsicht einen Ruf weg.“ Ob das stimmt, lässt sich an dieser Seite prüfen. Sie ist die Vorgeschichte.
Die Zahlen auf dieser Seite stammen aus der Berichterstattung von t-online (Mai 2025, September 2026) und der Süddeutschen Zeitung (Dezember 2025). Die Polizei Berlin äußert sich zu Zahl und Umfang der Einsätze nicht; sie verweist auf Datenschutz und laufende Ermittlungen. Aussagen der Beteiligten sind als solche gekennzeichnet.
Über hundert Anzeigen wurden aus dem Russischen Haus gegen Lindemeier erstattet, dazu drei Strafbefehle wegen fortgesetzter Ruhestörung und Beleidigung. Bei einer Anzeige wegen Volksverhetzung ließ das Landeskriminalamt den abgespielten Liedtext übersetzen. Der Befund: nicht volksverhetzend. Die Ermittlungen liefen dennoch erst einmal weiter. Zur Ruhestörung sagt Lindemeiers Anwalt Heinemann, die Diskussion fange jedes Mal bei null an, weil die Polizei keinen Lärmrichtwert nenne und den Schall nicht messe.
Ein Besucher des Hauses droht Lindemeier, er bekomme irgendwann ein Messer in den Rücken. Lindemeier ruft die Polizei und wartet eine Dreiviertelstunde. Sie kommt nicht.
t-online, Mai 2025Am Tag darauf wird Lindemeier vor dem Russischen Haus festgenommen, gefesselt und in eine Sammelzelle gebracht: vier Stunden Freiheitsentziehung, erkennungsdienstliche Behandlung. Vorwurf: Beleidigungen und Ruhestörungen der Vorwochen, beides nicht belegt. Im Rahmen einer Fortsetzungsfeststellungsklage räumt die Polizei Berlin später formell ein, dass der Einsatz rechtswidrig war.
t-online, Mai 2025Am Ehrenmal im Tiergarten wollen nach Lindemeiers Darstellung kräftige Männer in Begleitung der BSW-Vorsitzenden Amira Mohamed Ali ihn körperlich abdrängen. Als er laut nach der Polizei ruft, fordern die Beamten ihn auf, den Ort zu verlassen. Ein Polizeisprecher gegenüber t-online: „Die Gruppe hat den Auftritt des Herrn als eine Störung des stillen Gedenkens empfunden.“ Die Polizei gleiche zwischen den Interessen aus.
t-online, Mai 2025Die Betreiber des Russischen Hauses melden für diesen Tag eine eigene Veranstaltung an, Titel: „Lassen Sie sich nicht provozieren!“ Lindemeier erfährt in der Nacht zuvor per Mail der Polizei, dass seine Demonstration vor dem Haus nicht stattfinden darf. Etwa zwanzig Polizisten stehen vor dem Eingang, seinetwegen. Er baut sich trotzdem auf und lässt die Luftalarmsirene laufen; die Polizei erteilt einen Platzverweis und eskortiert ihn auf die andere Straßenseite. Ein Gespräch mit Unterstützern stuft sie anschließend als unangemeldete Versammlung ein.
Süddeutsche Zeitung, Dezember 2025Einen Tag nach Wadephuls Ankündigung, das Tätigkeitsabkommen zu kündigen, spricht Lindemeier mit dem Tagesspiegel: „Ich hatte Freudentränen in den Augen.“ Für ihn sei der Protest damit beendet: „Es waren zweieinhalb Jahre meiner Lebenszeit.“
Tagesspiegel, 2. September 2026t-online rekonstruiert 92 polizeiliche beziehungsweise staatsanwaltschaftliche Vorgänge gegen Gegner des Hauses. Bis dahin hatte keiner zu einer Verurteilung geführt.
t-online, 3. September 2026Fünf Kundgebungen vor dem Russischen Haus, darunter eine vom BSW angemeldete für den Erhalt des Hauses und eine Gegenkundgebung des ukrainischen Vereins Vitsche. Nach dem Ende der Versammlungen eskaliert der Polizeieinsatz gegen Lindemeier und Anette Klassen. Zum Eskalationsdossier →
Polizei Berlin, Meldung vom 5. September 2026 · Tagesspiegel, 5. September 2026 · VideomaterialDie SZ schreibt, Lindemeier frage sich manchmal, wessen Freiheit die Polizei hier eigentlich verteidige. Das ist die Formulierung der Redaktion, kein Zitat, und steht deshalb nicht in Anführungszeichen.
Ein behördliches Eingeständnis gibt es in diesem Komplex bislang genau eines: Die Festnahme vom 18. Dezember 2024 war rechtswidrig, das hat die Polizei Berlin im Klageverfahren erklärt. Alles andere ist Gegenstand laufender Verfahren. Was sich aber ohne Verfahren feststellen lässt, ist die Richtung: Einsätze gegen den Protest erfolgten prompt und mit erheblichem Aufwand, Schutz für den Protestierenden blieb wiederholt aus. Dass die Abfolge am 4. September in einem Trümmerbruch endete, hat diese Frage nicht beantwortet. Sie hat sie nur lauter gestellt.
Wer nach dem 4. September fragt, ob es sich um ein einzelnes Versagen handelt, findet auf dieser Seite die Vorgeschichte. Wer nach dem Muster fragt, findet die Zahlen. Die Antwort bleibt Sache der Ermittlungen, die Lindemeiers Anwalt ausdrücklich außerhalb der Berliner Polizei führen lassen will.
Stand: 14. September 2026.